Weihnachtsoratorium 2012

 

Kunstgenuss und Frömmigkeit

Lang anhaltender Beifall für Johann Sebastian Bachs »Weihnachtsoratorium« in Erlenbachs St. Peter und Paul

Erlenbach

Manches war früher eben doch besser: Die sechs Kantaten, die das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach bilden, waren tatsächlich fester Bestandteil der Liturgie. Wenn das heute noch so wäre, könnten sich die Pfarrer über volle Gotteshäuser freuen.

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Gesangssolisten Ralf Emge (Tenor) und Tamara Bracharz (Sopran).

Auch eher »lauwarme« Christen, selbst »Heiden« würden wohl von solcher Musik in die Kirche gelockt. Das Werk muss dann aber so überzeugend, so harmonisch und so geschlossen zelebriert werden wie vom Gemischten Chor Erlenbach, der Jungen Philharmonie der Musikschule, zahlreichen begabten, jungen Musikern des Hermann-Staudinger-Gymnasiums, überzeugenden Solisten - und das unter der unaufgeregten Leitung von Bernhard Wehle.

Die ersten drei Kantaten standen auf dem Programm, und die Besucher in der voll besetzten Kirche erlebten 90 Minuten eine perfekte Symbiose von Frömmigkeit und Kunstgenuss. Der minutenlange Schlussbeifall war Beweis dafür, dass sich die monatelange Probenarbeit und der riesige Aufwand für alle Beteiligten gelohnt hat.

Der Aufgabe gewachsen

Auch wenn die Männerstimmen im knapp 70-köpfigen Chor ein bisschen unterrepräsentiert waren, hat Wehle doch einen harmonischen Klangkörper zustande gebracht. Schon beim festlich-strahlenden »Jauchzet, frohlocket« war spürbar, dass der Chor seiner anspruchsvollen Aufgabe gewachsen war.

Er traf mit schöner Artikulation und erfreulicher Ensemblegeschlossenheit den richtigen Ton bei den Chorälen zwischen kindlicher Frömmigkeit wie im »Ach, mein herzliebes Jesulein«, den langen Melissmen im »Ehre sei Gott in der Höhe« und dem festlichen Klang des »Herrscher des Himmels« zu vollem Orchesterklang. Auch die Präzision der Einsätze und das Zusammenspiel mit dem Orchester und den Solisten ließ keine Wünsche offen.

Ein echtes Vergnügen: das Orchester mit seinen 45 - oft sehr jungen - Musikern. Einfühlsam, technisch sauber und harmonisch bewältigten sie alle Herausforderungen des Werks. Sie begleiteten die Solisten und den Chor mit viel Sensibilität, glänzten bei solistischen Passagen.

Besonders zu nennen sind der 16-jährige Nikolas Oberle, der mit seiner Violine die Altistin bei ihrer Arie »umspielte«. Und die gerade mal zwölfjährige Anne Luisa Kramb, die mit staunenswerter Perfektion und Ausdruckskraft zusammen mit Christine Hübner-Hart die Altarie »Schließe, mein Herz, dies selige Wunder« zu einem Glanzlicht ausgestaltete.

Mit guter Hand gewählt

Entscheidend für den Erfolg der Aufführung sind natürlich die Solisten. Auch hier hatte Bernhard Wehle eine gute Hand. Ralf Emge bewies als Evangelist mit seinem glasklaren, ausdrucksvollen Tenor, dass auch Rezitative musikalische Leckerbissen sein können, und brillierte mit der Arie »Frohe Hirten, eilt, ach eilet«.

Ihm stand Bariton Stefan Claas in Nichts nach. Atmosphärisch stimmig wirkten seine Rezitative. Seine Arie »Großer Herr, o starker König« musste auch den Vergleich mit großen Stimmen in berühmten Aufführungen nicht scheuen. Immer wieder ein Genuss: die Leichtigkeit und Eleganz seines Vortrags.

Höhepunkt der solistischen Passagen war jeder Auftritt von Altistin Christine Hübner-Hart. Mit ihrer warmen, ausdrucksstarken Stimme und ihrer Fähigkeit zu differenzierten Ausgestaltungen von Stimmungen und Nuancen begeisterte sie auch Musikfeinschmecker. Sie brachte die adventliche Sehnsucht im »Bereite dich, Zion« genau so überzeugend zum Ausdruck wie die zarte Kraft im Wiegenlied »Schlafe, mein Liebster« und die meditative Innerlichkeit im »Schließe, mein Herze, dies selige Wunder.«

Anrührend in Töne gebannt

Die Sopranistin Tamara Bracharz, gebürtige Erlenbacherin und trotz ihrer Jugend eine erfahrene Chorsängerin, schaffte es, sich in der Reihe renommierter Solisten spätestens im Duett mit Stefan Claas überzeugend zu behaupten, als sie im »Herr, dein Mitleid, dein Erbarmen« mit klarer Stimme und schöner Ausstrahlung Gottes Hinwendung zum Menschen - den eigentlichen Kern des Weihnachtsfestes - anrührend in Töne bannte.

Unter der Leitung von Bernhard Wehle entwickelte sich eine schlüssige und abgerundete Interpretation der ersten Hälfte des »Weihnachtsoratoriums«, bei der alles stimmte - auch das zügige Tempo, das Wehle anschlug und durchhielt. Den Zuhörern war anzumerken, dass sie schon zwei Wochen vor dem Fest ein wunderschönes Weihnachtsgeschenk bekommen hatten. Alle Akteure hatten den lang anhaltenden und herzlichen Beifall redlich verdient. Heinz Linduschka

Auch eher »lauwarme« Christen und selbst »Heiden« lassen sich von solcher Musik in die Kirche locken.

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Text von Dr. Heinz Linduschka

Fotos von Philipp Martschin


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